Manifest des 1. Panafrikanischen Kongresses der ISL
Afrikas Armut ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines fortgesetzten kolonialen Raubzugs durch imperialistischen Kapitalismus, multinationale Konzerne und ihre lokalen Kompliz:innen, der auch nach der formalen Unabhängigkeit nicht endete. Wahre Befreiung kann weder durch Reformen noch durch den Austausch imperialistischer Mächte erreicht werden, sondern nur durch die vereinte revolutionäre Kraft der afrikanischen Arbeiter:innen und Bäuer:innen im internationalen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus. Dieses Manifest ruft zum Aufbau eines revolutionären Panafrikanismus auf – für ein vereintes sozialistisches Afrika als Teil einer sozialistischen Welt.
Afrika ist einer der reichsten Kontinente und dennoch konzentriert sich hier die extreme Armut und Ungleichheit der Welt. Das Plündern unseres Landes und der Genozid an unseren Völkern durch den kolonialistischen und imperialistischen Kapitalismus endeten nicht mit der formalen Unabhängigkeit, die im letzten Jahrhundert erreicht wurde. Multinationale Konzerne und eine Handvoll lokaler Kapitalist:innen (die „Kompradorenbourgeoisie“) besitzen unser bestes Land, erschließen unsere Ressourcen, beuten unsere arbeitenden Massen aus und stürzen unser Volk in Armut und Hunger. Afrikanische Regierungen sind Komplizinnen bei der Plünderung, sie sind Verbündete der Imperialist:innen im Raub unserer Ressourcen und Arbeitskraft, sie setzen jene Politik um, die diesen Diebstahl und diese Plünderung ermöglicht, und sie unterdrücken unsere Völker, um sie weiterhin zu unterjochen und auszubeuten.
Imperialistische Staaten und ihre multinationalen Organisationen verwalten unsere Volkswirtschaften, fördern Putsche und Bürger:innenkriege und greifen uns sogar direkt an und massakrieren uns, um ihre Plünderungen sicherzustellen. Wenn viele Afrikaner:innen, getrieben von den Folgen dieser Politik, einen Ausweg in der Migration suchen, empfangen sie uns mit Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt. Allein den Versuch, eine bessere Zukunft für unsere Kinder zu finden, bezahlen Tausende mit ihrem Leben.
Obwohl viele afrikanische Länder Mitte des 20. Jahrhunderts ihre formale Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erlangten, standen sie bei der Durchsetzung ihrer vollständigen Souveränität und Selbstbestimmung vor erheblichen Hindernissen. Die meisten erlangten ihre „Unabhängigkeit“ vor einigen Jahrzehnten und befinden sich immer noch fest im Griff ihrer ehemaligen Kolonialherren. Kenia, Südafrika, Simbabwe und andere führten einen bewaffneten Kampf mit wenig oder keinem Erfolg. Die meisten afrikanischen Staaten haben ihre Unabhängigkeit ausgehandelt, daher all die Plünderungen.
Neokolonialismus zeigt sich häufig in Form von wirtschaftlicher Ausbeutung, politischer Einflussnahme und kultureller Hegemonie. Multinationale Unternehmen, von denen viele ihren Sitz in ehemaligen Kolonialländern haben, üben einen enormen Einfluss auf die afrikanischen Volkswirtschaften aus, indem sie natürliche Ressourcen, Märkte und Arbeitskräfte ausbeuten und wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen. Darüber hinaus behalten nicht-afrikanische Staaten politisches Gewicht, indem sie Politiker:innen und politische Maßnahmen hier unterstützen, kontrollieren oder beeinflussen und so den Kurs der nationalen Entwicklung bestimmen.
Diesem neokolonialen Elend kann kein Ende gesetzt werden, ohne sich gegen alle imperialistischen Mächten zu stellen, seien es alte westliche Mächte wie Frankreich, Großbritannien oder die USA oder neue Mächte wie Russland und China. Wir müssen für eine Befreiung von allen imperialistischen Herren kämpfen, nicht dafür, einen durch den anderen zu ersetzen.
Dieser antiimperialistische und antikoloniale Kampf bedeutet notwendigerweise, dass wir unseren saharauischen Genoss:innen zur Seite stehen im Kampf um die Befreiung der letzten Kolonie unseres Kontinents, der Westsahara, von einem Verbündeten des europäischen Imperialismus, dem Königreich Marokko.
Ebenso solidarisieren wir uns mit dem heldenhaften haitianischen Volk gegen die komplizenhafte Haltung einiger afrikanischer Regierungen, die sich dem Spiel des westlichen Imperialismus anschließen und sogar bereit sind, in seinem Dienste militärisch zu intervenieren.
Wir stehen unseren Brüdern und Schwestern im Niger gegen den französischen Imperialismus zur Seite und werden sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen, wenn sich die Invasionsdrohungen der Kolonialist:innen materialisieren. Gleichzeitig bekräftigen wir klar, dass die neue Regierung nicht unsere Regierung ist. In Niger, in ganz Afrika und auf der ganzen Welt kämpfen wir nicht nur gegen Imperialismus, sondern auch für den Sturz des Kapitalismus und dafür, dass Arbeiter:innen durch demokratisch gewählte Räte regieren.
Der einzige Weg zur Befreiung Afrikas ist die Einheit der afrikanischen Völker, die durch den kapitalistischen Imperialismus und seine lokalen Verbündeten in der Bourgeoisie und den mitschuldigen Regierungen künstlich gespalten wurden. Aus diesem Grund sind wir nicht durch unsere ethnischen oder nationalen Identitäten vereint, sondern durch unsere soziale Klasse. Die Arbeiter:innen und Bäuer:innen, die Ausgebeuteten und Unterdrückten Afrikas, haben kein gemeinsames Interesse mit den reichen afrikanischen Verbündeten des Imperialismus. Wir haben mehr mit den Arbeiter:innen im Rest der Welt gemeinsam als mit ihnen. Die Befreiung Afrikas wird nicht durch die lokalen Verbündeten des Imperialismus erreicht werden. Sie wird durch die Klasseneinheit der afrikanischen Völker und die Unterstützung der Arbeiter:innen der ganzen Welt erreicht werden. Deshalb bauen wir eine antikoloniale, antiimperialistische Bewegung auf, im Sinne eines revolutionären Panafrikanismus, für ein vereintes sozialistisches Afrika im Rahmen einer sozialistischen Welt.
Unsere Bewegung ist klassenbasiert, weil Arbeiter:innen den gesamten Reichtum der Welt produzieren und damit die soziale Macht und die Fähigkeit besitzen, die Produktion zu stoppen und unter ihrer demokratischen Kontrolle zu reorganisieren. Wir wollen den subjektiven Faktor der Revolution aufbauen, die soziale Kraft, die in der Lage ist, alle Unterdrückten der Welt anzuleiten, um endlich wahre Veränderung herbeizuführen.
Unsere Bewegung ist internationalistisch, weil Arbeiter:innen auf der ganzen Welt die gleichen Interessen haben und den gleichen Feinden gegenüberstehen, die uns ausbeuten und unterdrücken. Die Bourgeoisie verfügt über Institutionen, die ihre Interessen auf der ganzen Welt verteidigen, wie verschiedene imperialistische Blöcke, die UNO, den IWF und die Weltbank. Nur eine vereinte Bewegung der Arbeiter:innen der ganzen Welt kann der imperialistischen Bourgeoisie erfolgreich die Stirn bieten.
Unsere Bewegung ist antikapitalistisch, weil dieser dekadente, krisengeschüttelte Kapitalismus der Menschheit nichts mehr zu bieten hat als noch mehr Ausbeutung, Unterdrückung, Hunger, Krieg und Umweltzerstörung. Dieses System, das vergeblich versucht, seine Krise und Stagnation zu überwinden, greift die Arbeits-, sozialen und demokratischen Rechte an, errichtet blutige Diktaturen, schürt ethnische und religiöse Massaker und bewaffnete Interventionen und zertstört immer weiter unseren Planeten, um seine Gewinne zu sichern. In diesem System gibt es keine echte Demokratie. Die einzig mögliche Demokratie wird aus der Arbeiter:innenklasse und ihren eigenen Institutionen entstehen. Deshalb kämpfen wir für die Zerstörung dieses Systems und den Aufbau des Sozialismus weltweit.
Unsere Bewegung ist revolutionär, weil der Kapitalismus nicht reformiert werden kann. Nur die mobilisierten Massen mit den Arbeiter:innen an der Spitze und einer revolutionären Führung können ihn stürzen. Überall auf der Welt gehen die Massen immer wieder den Weg der Rebellion und Revolution. Aber jedes Mal werden sie von reformistischen Anführer:innen und Bürokratien daran gehindert. Aus diesem Grund hat sich die historische Krise der Menschheit auf die Krise ihrer revolutionären Führung reduziert.
Heute besteht die zentrale Aufgabe der revolutionären Sozialist:innen darin, revolutionäre Parteien und eine Internationale mit Masseneinfluss aufzubauen, um eine permanente Mobilisierung zu fördern, um kapitalistische Regierungen zu besiegen, für den Sturz der bürgerlichen Ordnung und die Errichtung von Arbeiter:innenregierungen und Sozialismus auf der ganzen Welt zu kämpfen.
Wir stehen für die Enteignung des gesamten Großkapitals, ob ausländisch oder einheimisch. Wir stehen für die Aufteilung des Bodens unter diejenigen, die ihn bebauen und die Förderung der kollektiven Landwirtschaft mit modernen Techniken. Wir stehen für das Selbstbestimmungsrecht aller unterdrückten Nationalitäten. Wir stehen für die demokratische Kontrolle von Produktion und Handel durch die Arbeiter:innen. Wir stehen für die geplante Verteilung von Ressourcen im Sinne der Bedürfnisse und des Wohles aller und nicht für den Profit einiger weniger. Wir stehen für würdige Arbeit, Ernährung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Wohnraum als Recht eines jeden Mitglieds der Gesellschaft. Wir stehen für ein Ende aller imperialistischen Militärbasen in Afrika und anderen Teilen der Welt. Wir stehen für gleiche Rechte für Frauen und gegen alle Arten von Gewalt und Diskriminierung. Alle ausländischen Investitionen müssen unter der Bedingung vollständiger Transparenz sowie der Genehmigung und Aufsicht durch eine demokratische Arbeiter:innenregierung erfolgen. Wir stehen für die Abschaffung aller Visaregelungen und Reisebeschränkungen für die arbeitenden Massen. Wir stehen für eine Welt ohne Klassen- und Nationalausbeutung, Unterdrückung, Arbeitslosigkeit und Elend.
Das sind unsere historischen Ziele und strategischen Aufgaben. Im Gegensatz zu Erfahrungen der Vergangenheit, die von Bürokratismus und Zwang geprägt waren, vereinigen wir uns auf der Grundlage der genannten politischen, ideologischen und Handlungsprinzipien, mit absoluter politischer Unabhängigkeit von allen bürgerlichen Kräften. Aber mit taktischer Flexibilität, um sich mit den realen Prozessen des Klassenkampfes zu verbinden, und in einem Umfeld solidarischer Debatten und gemeinsamen Handelns. Wir bauen eine internationale Organisation auf, um konkret im globalen Klassenkampf zu intervenieren, internationalistische Kampagnen durchzuführen und uns gegenseitig beim Erschaffen von Werkzeugen für den Kampf zu unterstützen. Unsere Methode besteht hierbei aus einem gesunden demokratischen Zentralismus, um alle in Diskussion und Lösungsfindung einzubeziehen, aber als geschlossene Faust im Klassenkampf zu agieren.
Das ist das Projekt, das die Internationale Sozialistische Liga aufbaut, die dutzende Organisationen und tausende Aktivist:innen auf fünf Kontinenten zusammenbringt, um die Revolutionär:innen der Welt über nationale, ethnische oder identitäre Spaltungen hinweg zu vereinen, mit dem Ziel, die Arbeiter:innenklasse in ihrem Kampf für den Weltsozialismus anzuleiten. Die Revolutionary Socialist League verkörpert diese Prinzipien und hat diese Veranstaltung ausgerichtet.
Das ist das Projekt, das dieser Kongress in Afrika vorantreiben will. Wir rufen Organisationen und Einzelpersonen, die sich diesem neuen revolutionären Aufbau in Afrika anschließen möchten, auf, diese Herausforderung gemeinsam anzunehmen und für eine sozialistische Zukunft zu kämpfen. Dies ist eine bedeutende Gelegenheit, die ISL auf dem gesamten afrikanischen Kontinent aufzubauen und zu erweitern.
Klassenbrüder und -schwestern in ganz Afrika, vereinigt euch! Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten. Wir haben einen Kontinent und eine Welt zu gewinnen!
Afrika moja, Afrika huru, Afrika ya Kisosialisti!
One Africa, Free Africa, Socialist Africa!
Nairobi, 30. August 2023

